Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen – ich lese, also bin ich

„Sie müssen selbst wissen, wofür Sie Zeit und Geld verschwenden. Ich bleibe hier und lese, das Leben ist kurz.“ – Carlos Ruiz Zafòn: Das Spiel des Engels

 „Hallo, ich bin die Seitentänzerin, und ich bin neu hier. Meine Freunde haben mich hierher geschickt, um mein Problem zu behandeln: ich lese.“
Die restlichen Mitglieder der Lesesuchtselbsthilfegruppe: „Wir sind für dich da, Seitentänzerin.“

Naja, fast. Mir würde nicht unter Waffengewalt einfallen, Lesen als Problem zu sehen (wobei das von der Größe und der Art der Waffe abhängig ist – Lesesucht ungleich Lebensmüdigkeit). Außerdem wage ich zu bezweifeln, dass meine jahrzehntelange Abhängigkeit (na schön – eineinhalb Jahrzehnte) sich durch eine Gruppendiskussion mit Gleichgesinnten abschwächen würde, wahrscheinlich verstärke sich das Verhältnis zum Lesen eher.

Meine Einstiegserfahrung hatte ich ein Jahr vor meiner Einschulung. Ein Mädchen aus meinem Umfeld hatte das Glück, gerade schreiben und lesen zu lernen, und als sie ein g in ihr Aufgabenheft malte, war ich sofort neidisch – das wollte ich auch können! Noch viel mehr wollte ich wissen, was in den Sprechblasen meiner Wendycomics stand. Egal, wie angestrengt ich auf die Buchstaben starrte, sie wollten und wollten mir nicht erzählen, was sie bedeuteten. Zum Glück neige ich nicht zum Jährzorn, sonst hätte diese frustrierende Zeit wohl dazu beigetragen, meinen Comicbestand durch Wutanfälle drastisch zu reduzieren.

Als ich dann endlich – ENDLICH – nicht mehr auf die sehr sporadische Vorlesestunde angewiesen war, sondern selbst lesen konnte, erschloss sich mir eine ganze Welt. Mädchentypisch (ich bin wirklich leicht beeinflussbar) waren es Pferdebücher oder Internatsgeschichten – gerne auch beides zur gleichen Zeit – hier und da eine Detektivgeschichte und dann: Harry Potter. Tatsächlich gehöre ich der Generation an, die mit diesem Zauberschüler zusammen aufgewachsen ist. Und obwohl er doch so viel älter war als ich, waren wir merkwürdigerweise in der gleichen Klasse (bis ich herausfand, woran das lag, verging einige Zeit).

Wagt man heutzutage einen Blick in meine Bücherregale, stehen da mittlerweile weitaus mehr Bücher als Hanni und Nanni oder Harry Potter. Auf den ersten Blick ist es sogar eine sehr vielfältige Mischung: Thomas Hardy steht neben Christina Lauren, Carlos Ruiz Zafòn teilt sich eine Regalborte mit Susan Elizabeth Phillips und in Jojo Moyes‘ Schatten ducken sich einige Werke von Ursula Isbel. Ich beichte: ich bin ein fürchterlicher Genre-Leser. Zu jedem Lebensabschnitt gibt es ein Genre, zu jedem Genre ein, zwei, viele Lieblingsbücher.

In der Reihenfolge: Kinderbücher, Jugendbücher, Contemporary Romance, Romantic Fantasy, Junge Erwachsene, (in Ermangelung eines besseren Begriffs: ) Romane, New Adult, britische Klassiker. Dabei ist kein Genre je ganz abgeschrieben – würde ich jedes Buch nur einmal lesen, bräuchte ich sie schließlich nicht zu besitzen. Sehr beängstigende Vorstellung.

Abneigungen hege ich vor allem gegenüber historischen Romanen. Dabei war ich in der Schule in Geschichte nie schlecht, aber es geht. Einfach. Nicht. (Dazu zählen für mich übrigens auch Groschenromane. Ich habe lieber moderne Helden – die sind mindestens genauso großartig und können sich wenigstens anständige Oberbekleidung leisten)
Genauso schrecklich finde ich alles mit Orks (Orgs?) oder Elfen. Vielleicht ist mein Gehirn zu begrenzt, um die Attraktivität von Urban Fantasy ermessen zu können. Biografien und Sachbücher sucht man bei mir ebenfalls vergeblich.

Ob ich je freiwillig zu einem Buch aus der Kategorie Abneigung greifen werde? Keine Ahnung. Und nur, weil diese Bücher für mich keinen Reiz haben, bedeutet das nicht, dass sie keine Daseinsberechtigung haben. Jeder liest, was ihn glücklich macht – darum geht’s doch schließlich, oder?

Um es mit Matt Haigs cleveren Worten zu sagen: „Es gibt nur ein Genre in der Literatur. Das Genre heißt ‚Buch‘“.

Jetzt kennt ihr mich also ein bisschen besser. Ich bin eine ganz normale Buchliebhaberin, mit Vorlieben und Abneigungen und der viel diskutieren Gewohnheit, Bücher mit einer Vorsicht zu lesen, die an Ehrfurcht grenzt. Vor meinen Augen den Buchrücken zu knicken sollte eine Strafttat sein, aber leider konnte ich noch keinen Richter dazu überreden, das durchgehen zu lassen.

Kommt angenehm in die neue Woche!


Eure Seitentänzerin

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